Dienstag, 4. Oktober 2011

Gura Râului, August '08

Im Garten unserer Gastgeber hingen Plasteflaschen in den Bäumen, aber nicht gegen Krähen oder Stare, sondern für Țuică cu fruct, Schnaps mit Frucht. Man konnte gar nicht anders, als darin eine Metapher für unser Leben zu sehen: von Geburt an sind wir von einer unsichtbaren Mauer umgeben, die uns von der Welt trennt, man ernährt uns, wir wachsen und damit ist uns für immer der Fluchtweg versperrt.

Freitag, 30. September 2011

Măldăreşti, August '08

Wem die Mangelgesellschaft eine besondere Anpassungsfähigkeit antrainiert hatte, der befand sich in einer Welt schwindender Ressourcen in der Avantgarde. Der Blick für die unerkannt in den verfügbaren Materialien schlummernde Funktion hatte eine künstlerische Dimension. Der Stützisolator war ein Ready-made, man mußte ihn nur aus seinem Sinnzusammenhang lösen und als Torpfosten verwenden, eine Methode, die Marcel Duchamp berühmt gemacht hat. Plötzlich hatten die Schirme um den Strunk, die bei diesen Bauteilen für eine Kriechwegverlängerung sorgen, eine dekorative Wirkung.

Donnerstag, 29. September 2011

Craiova, August 2008



In der kleinen Synagoge von Craiova hing eine Marmortafel, die daran erinnerte, daß "diese heilige Stätte, die beim Erdbeben von 1977 stark beschädigt worden ist, mithilfe des Allmächtigen und durch die Sorge seiner Eminenz des Chef-Rabbiners D.Moses Rosen und der Leitung der Föderation der jüdischen Gemeinden der sozialistischen Republik Rumänien im Jahr 1982 restauriert wurde." Das "sozialistische" war, nicht sehr gründlich, mit weißer Farbe übermalt worden. Offenbar wurde dieses Wort hier als obszön empfunden. In Berlin hängen auf der Brücke vom S-Bahnhof Schönhauser Allee Gedenktafeln für die Opfer des Faschismus, im Emblem des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer ist dort immer noch das DDR-Wappen zu sehen. Vielleicht hat man es vergessen, vielleicht sind den Spurenverwischern aber auch in diesem Fall die Hände gebunden. Ich empfinde dieses Symbol an dieser Stelle nicht als obszön, aber ich weiß, daß die Gefühle, die solche Spuren wecken, von der persönlichen Erfahrung abhängen, und daß sie sich im Leben ändern können. Im Moment freue ich mich immer, nicht so sehr über das Symbol, sondern über die Gedächtnisspur im Stadtbild. In Rumänien, wo die kommunistische Partei unter anderem Namen noch jahrelang weiterregiert hat, ist das "sozialistisch" sicher anders zu bewerten, als im Prenzlauer Berg, wo nur noch eine Minderheit der Einwohner weiß, wofür das Emblem einmal stand. Ich weiß nicht, ob man solche Dinge überhaupt soziologisch einschätzen und journalistisch aufbereiten kann.

Mittwoch, 28. September 2011

Bukarest, Strada Luterană


Die Beschriftung der Glastür war sicher nicht billig gewesen, der professionelle Eindruck ließ einen auch eher an sich selbst zweifeln. Ich ging sogar noch einmal zurück, um auszuschließen, daß das Lokal nicht einfach "Sandwitches" hieß, daß es sich also um keinen Schreibfehler, sondern um eines dieser kommerziellen Wortspiele handelte: "Die Sandwich-Hexen". Der Fehler freute mich, aber es war keine Schadenfreude, sondern die Freude darüber, daß Menschen Fehler machten. Ohne den Fehler hätte ich mir nie vorzustellen versucht, wer der Türbeschrifter war. Warum mußte man überhaupt richtig schreiben? Die ersten französischen Buchdrucker haben die Orthographie manipuliert, damit die Wörter länger wurden und der Kunde mehr bezahlen mußte. Leider ist für uns Orthographie kein Raum der Selbstverwirklichung, man darf nichts anfassen oder umstoßen, man muß nur irgendwie heil duchkommen.